29. September 2015

Mommy

© Weltkino

Regie: Xavier Dolan
Land / Jahr: Kanada 2014












Damit ihr hyperaktiver und gewalttätiger Teenager-Sohn Steve (Antoine-Olivier Pilon) nicht in ein Heim muss, entscheidet sich die alleinerziehende Kyla (Suzanne Clément) ihn zu sich zu holen. Halt könnte ihr die schüchterne und stotternde Nachbarin Diane (Anne Dorval) geben, mit der sich Kyla anfreundet. Aber Steve hat ein explosives Temperament ...
Wer sich "Mommy" ansieht, der braucht sich keine Sorgen machen, der Film sei kaputt. Es ist so gewollt, dass dieses eindringliche Drama die schwarzen Balken nicht horizontal, sondern vertikal hat. Der Film vermittelt den Eindruck, als würde man gerade ein mit dem Handy aufgenommenes und über zwei Stunden langes Video sehen.
Dass heißt aber bei weitem nicht, dass es sich um ein qualitativ minderwertiges Produkt handelt, schließlich stammt die Idee von wahrscheinlich Kanadas berühmtesten und begabtesten Regisseur aller Zeiten - Dabei ist der kinematografische Überflieger Xavier Dolan erst 26 Jahre alt. Soll nicht heißen, er habe nicht schon alles zwischen einem guten Film und einem Meisterwerk gedreht.
"Mommy" macht aber nicht den Eindruck, als habe ein Regie-Jüngling die Anweisungen gegeben; "Mommy" ist das Werk eines Regie-Genies. Es ist fantastisch, wie realistisch und lebensnah Dolans Figuren in allen seinen Filmen sich verhalten. Wie bitte kann sich ein junger Mann, Mitte 20, in Frauen hineinversetzen, die auf die 50 zugehen? Ein Rätsel, dessen Lösung wohl nur Dolan selbst kennt.
Er erzählt die Geschichte eines durchgeknallten Jungen, der eigentlich nur Liebe und Aufmerksamkeit will, aber dem sein unverschämtes Mundwerk und seine impulsiv gewalttätige Art ihm immer wieder im Weg stehen. Steve rastet aus, wenn ihm was nicht passt. Sein Proleten-Gehabe wird kaum verwundern, schließlich verfügt seine Mutter auch nicht gerade über die Etikette einer Prinzessin. Ein echtes Unterschichten-Duo eben. Aber Doland macht sich nicht über seine Figuren lustig. Er nimmt die Position eines verständnisvollen Voyeurs ein.
"Mommy" ist neben "Laurence Anyways" schon der zweite fantastische Film eines Mannes, von dem noch einiges zu erwarten ist. Xavier Dolan könnte nicht nur der größte Regisseur seines Landes werden, sondern einer der größten aller Zeiten. Dass er auch noch die Drehbücher zu seinen Filmen selber schreibt, spricht für das Talent dieses Ausnahme-Künstlers. Wer aber hofft sich bei "Mommy" über einen echten Proll amüsieren zu können sei gewarnt: "Mommy" treibt vor allem die Anspruchs-Kurve steil nach oben. Etwas kürzer hätte der Film in der Mitte aber schon sein können.

Fazit: 80 %

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