19. Januar 2016

Victoria

© Senator

Regie: Sebastian Schipper
Land / Jahr: Deutschland 2015












Die Spanierin Victoria (Laia Costa) ist allein in einem Berliner Club unterwegs als sie Sonne (Frederick Lau) und seine Freunde trifft. Eigentlich soll der Abend schon nach kurzer Zeit enden, dann brauchen die jungen Männer Victorias Hilfe bei einem Raubüberfall.
Was ist der zentrale unterschied zwischen den Kunstformen "Theater" und "Film"? Richtig: Der Schnitt. Er macht es dem Film möglich in Zeit und Raum zu springen. Als Alfred Hitchcock 1948 "Cocktail für eine Leiche" drehte und dabei nur zehn "unsichtbare" Schnitt benötigte - mehr als gut zehn Minuten passten damals nicht auf eine Filmrolle - schrien einige Kritiker auf. Ohne Schnitt sei dieses Kunstprodukt kein Film, sondern abgefilmtes Theater.
2002 dreht Aleksandr Sokurov seine dokumentarische Reise durch die russische Geschichte unter dem Titel "Russian Ark" ohne jeglichen Schnitt. In 99 Minuten schwebt die Kamera durch 33 Räume der Eremitage und begegnet dabei hunderten von Schauspielern, die historische Figuren darstellen.
67 Jahre nach Hitchcock versucht der deutsche Regisseur Sebastian Schipper ein wesentlich wagemutigeres Kunststück. Er dreht seinen kompletten Spielfilm "Victoria" nicht nur ohne einen einzigen Schnitt, sondern er wechselt auch noch ständig den Schauplatz und dreht größte Teile des Filmes unter freien Himmel. Und das über eine sagenhafte Distanz von 138 Minuten.
Der logistische Aufwand unter dem dieser Film entstanden ist, muss gigantisch gewesen sein. Schließlich muss die Kamera permanent getragen werden und darf sich nirgendwo spiegeln: nicht in Fensterscheiben, nicht im Autolack und nicht in den Aufzügen. Zudem müssen alle Darsteller immer im richtigen Moment um die Ecke kommen. Für die Szene im Morgengrauen in dem Hochhausviertel müssen zudem alle Anwohner informiert worden sein, ansonsten ist die Panik groß wenn plötzlich mehrere Krankenwagen und Polizeiautos um die Ecke kommen.
Ebenfalls völlig fehlerfrei muss die Leistung der Darsteller sein. Es gibt nicht immer wieder neue Takes für wechselnde Emotionen, das Wechselbad der Gefühle wird hier wortwörtlich genommen. Und eine der größten Hoffnungen für deutsches Qualitätskino beweist hier wieder einmal sein Können: Frederick Lau ist einfach nur fantastisch.
Ebenso gut spielt Laia Costa die titelgebende Victoria. Allerdings ist ihre Figur nicht ganz ausgereift. Eine junge Frau, die zudem noch einige Bildung genossen hat, lässt sich in einem fremden Land von vier offensichtlich vollgedröhnten Proleten anquatschen und hat auch noch Spaß dran. Das ist wenig warscheinlich. Und wenn es hart auf hart kommt, dann hat die schüchterne Victoria zu wenig Angst.
Und natürlich gibt es auch ein paar absolut überflüssige Brückenmomente zwischen relevanten Szenen. Bei jedem anderen Film wären sie auf dem Boden des Schneideraumes gelandet, hier müssen sie drinbleiben, damit das Geschehen ohne jegliche filmische Unterbrechung auskommt.
Inhaltlich ist "Victoria" kein Meilenstein mit seiner Geschichte eines Raubüberfalles - technisch gesehen ist Schippers Film ein Meisterwerk. "Victoria" funktioniert und ist deswegen so fantastisch und mitreißend. Die Entscheidung in der Nacht kurz vor dem Morgengrauen mit der Handlung zu beginnen ist perfekt. Erlebt man das Treiben so bei natürlichen Lichtveränderungen ohne externes Eingreifen durch die Filmemacher. Lau ist als Sonne genial, Costa als Victoria viel zu naiv. Insgesamt dennoch einer der besten Filme von 2015. Endlich mal wieder mutiges deutsches Kino.

Fazit: 80 %

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