28. März 2016

Love

© Alamode

Regie: Gaspar Noé
Land / Jahr: Frankreich, Belgien 2015












Familienvater Murphy (Karl Glusman) bekommt einen beunruhigenden Anruf von der Mutter seiner Ex-Freundin: Electra (Aomi Muyock) ist verschwunden. Das bringt den jungen Mann, der ständig an die wilde Beziehung mit Electra zurückdenkt, völlig durcheinander. Er macht sich eigenhändig auf die Suche.
Gaspar Noés frühe Werke "Menschenfeind" und "Irreversibel" sind gleichzeitig Kunstwerke und Skandalkino. Der Argentinier steigt mit seinen Filmen stets tief in die Abgründe der menschlichen Seele hinab und scheut nicht davor extreme Gewalt und Pornographie auf die Leinwände zu bringen (und gerne auch einmal miteinander zu vermischen). Seine Filme haben eine pessimistische Stimmung, die man sonst nur von Meisterregisseuren wie Lars von Trier ("Antichrist", "Dancer in the Dark") oder Ulrich Seidl ("Hundstage", "Import Export") kennt.
Dass ein Noé-Film nicht für depressive Menschen geeignet ist, ist kein Geheimnis. "Love" hat allerdings nicht ganz so extrem das Verlangen danach, seine Figuren und den Zuschauer mit dem Gesicht in den Dreck zu drücken. Dass der Misantroph aber ein ganz anderes Verständnis von einer Romanze hat, sollte aber nicht verwundern. Schließlich sagte Noé selbst, es handele sich bei "Love" um einen Liebesfilm aus sexueller Perspektive.
Gleich mit der ersten Szene oder beser gesagt der ersten Einstellung wird dies auch deutlich. Denn wie gewohnt mit einer unbeweglichen Einstellung und ohne Schnitt zeigt Noé ein Paar, dass sich gegenseitig manuell beglückt. Minutenlang bis zum finalen Schuss des Herren. Und obwohl die Kamera frontal und schonungslos bei den Sinnenfreuden dabei ist, wirkt es dennoch stilvoll. Denn der Autorenfilmer hat ein gutes Gespür dafür, ästhetische Bilder von meistens wenig ästhetischen Handlungen zu kreieren.
"Love" ist aus zwei Gründen der mit Abstand schlechteste Film Noés: Erstens ist er nicht so schön knackig wie "Menschenfeind" und "Irreversibel", die beide weniger als 100 Minuten dauern. Er orientiert sich eher an der epischen Länge von "Enter the Void" und mit seiner Spielzeit von 135 Minuten. Und zweitens gehört die Suche nach Electra nur bedingt zur tatsächlichen Handlung, die fast ausschließlich aus Rückblenden auf Erinnerungen an die Beziehung besteht. Wer hofft, hier eine spannende Geschichte geliefert zu bekommen, der wird bitter enttäuscht. Er geht eigentlich nur darum zu zeigen, was für eine tolle (sexuell orientierte) Zeit Murphy und Electra miteinander hatten.
Kunst und Pornographie: Beides setzt Noé konsequenter um, als von Trier mit "Nymphomaniac". Allerdings hat er weniger zu erzählen und so müssen mehrere Längen in einem optisch ausgefeiltem Zwitter-Film überstanden werden. Und Noé hat es eigentlich gar nicht nötig, so absichtlich einen Skandal provozieren zu wollen. "Love" ist interessant für Freunde des alternativen Kinos, reine "Entertainment"-Filmfreunde werden (wie üblich) wohl eher verstört sein.

Fazit: 60 %

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