22. Mai 2016

Wiegenlied vom Todschlag, Das

© Kinowelt

Regie: Ralph Nelson
Land / Jahr: USA 1970












Einen blutrünstigen Angriff der Cheyenne überleben nur zwei Menschen: der Soldat Honus Gent (Peter Strauss) und die hübsche Kathy Maribel "Cresta" Lee (Candice Bergen). Um nicht doch noch den Wilden zum Opfer zu fallen, will Honus die junge Frau in ein Fort bringen. Diese ist allerdings wenig davon begeistert, unter Weißen zu leben.
Hinter dem martialischen deutschen Verleihtitel verbirgt sich ein außerordentlich menschlicher Film. Während in traditionellen Western für gewöhnlich die Geschichte von Cowboys erzählt wird, die sich den Angriffen von Indianern erwehren, so schlägt "Das Wiegenlied vom Todschlag" eine ganz andere Richtung ein.
Anfangs sieht es noch so aus als würde es darum gehen, die weiße Frau vor den bösen Rothäuten zu beschützen. Honus ist ein Soldat und Gentlemen - wohl erzogen und höflich, ist es seit der Rettung sein höchstes Anliegen auf Kathy aufzupassen. Obwohl seine hübsche blaue Uniform titelgebend ist - der Film wurde in den USA als "Soldier Blue" produziert - spielt er doch weniger die Hauptrolle.
Interessanteste Figur in "Das Wiegenlied vom Todschlag" ist absolut Kathy. Mit ihren langen blonden Zöpfen sieht sie aus wie ein Engel, ist aber nicht mit den allerbesten Manieren gesegnet. Kathy rülpst und flucht und wenn ihr kalt ist, dann befürchtet sie, der Arsch könne ihr abfrieren - wortwörtlich. Dabei ist sie aber nicht primitiv, sondern einfach nur nicht auf Blendwerk wie Etikette aus. Candice Bergens Schauspiel ist einfach nur großartig.
Am Anfang ihrer Reise sind Kathy und ihr vermeintlicher "Beschützer" nicht gerade derselben Meinung, was das ach so ehrenhafte Soldatenleben oder die wilden Indianer betrifft. Aber wer die wahren Wilden sind, das fällt mit der Zeit dann auch Honus auf. Und jedem Zuschauer, der in den ersten beiden Akten noch nicht verstanden hat, was Ralph Nelson mit seinem Werk aussagen will, dem werden im Finale noch richtig die Augen aufgehen.
Denn der Angriff auf das Indianerdorf ist einfach nur hinterhältig und grausam und auch ebenso inszeniert. Was Nelson da auf die Leinwand bringt ist keine ehrenhafte Schlacht, sondern ein Genozid. Das Töten von Indianern, egal ob Mann oder Frau, egal ob kleines Baby oder alter Mann, wird von den blauen Soldaten als rechtmäßig und ordenswürdig angesehen. Damit daran gar kein Zweifel bleibt werden Frauen vergewaltigt, geköpft oder verstümmelt. Kinder werden kaltblütig hingerichtet. Und das zeigt Nelson nicht zum Selbstzweck mit aller Deutlichkeit, sondern um ein klares Statement abzuliefern, wer eigentlich der Bösewicht in der Geschichte der Besiedlung der Vereinigten Staaten gewesen ist.
"Das Wiesenlied vom Todschlag" zeichnet sich durch zwei ganz herausragende Aspekte aus. Einerseits durch eine vorzügliche Candice Bergen, die eine junge Frau jenseits von Klischees und gutem Benehmen spielt. Andererseits durch eine ganz starke Message, die zum Nachdenken anregt. Angereichert mit einem packenden Score, einem abwechslungsreichen Drehbuch mit tollen Wendungen und wunderbaren Figuren. Der Film ist ein Western über einen grauenhaften Völkermord und auch seine zahlreichen heiteren Szenen nicht man dem Werk nicht übel. Hinter dem ganzen Western-Abenteuer steckt einfach viel mehr, als es am Anfang noch den Anschein macht.

Fazit: 80 %

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