29. August 2016

Welt am Draht

© StudioCanal

Regie: Rainer Werner Fassbinder
Land / Jahr: Deutschland 1973












Der Supercomputer Simulacron-1C kann eine vollkomen realistisch wirkende Parallelwelt erschaffen, die nicht von der echten Welt zu unterscheiden ist. Fred Stiller (Klaus Löwitsch), dem neuen Direktor des Instituts für Kybernetik und Zukunftsforschung (IKZ) schwant aber Böses, als er Ungereimtheiten in der Simulation bemerkt. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.

Prophetischer Charakter
Mit seinem einzigen Science-Fiction-Film hat der sagenhafte Regisseur Rainer Werner Fassbinder ein wirklich bemerkenswertes Werk geschaffen. Produziert als Zweiteiler für das deutsche Fernsehen war es nicht als bahnbrechendes Science-Fiction-Epos konzipiert, sondern als netter TV-Unterhaltungsfilm. Diese Erkenntnis macht das Ergebnis umso bemerkenswerter.
Im Jahr 1973 umgesetzt, hat "Welt am Draht" fast schon prophetischen Charakter. Parallelwelten wie in Science-Fiction-Klassikern wie "Matrix" (1999) oder "Total Recall" (1990) werden hier mit einer visionären Selbstverständlichkeit dargestellt. Erste Ideen eines Internets werden deutlich, lange bevor diese Erfindung die Welt eroberte. Selbst Tasten- und Bildtelefone - Menschen über 30 wissen wovon die Rede ist - gibt es hier Jahre vor der tatsächlichen Entwicklung zusehen. Der Film ist aus dem Jahr 1973, das erste Tastentelefon kam in Deutschland 1977 auf den Markt.

Vorlage stammt aus den USA
Neben all dieser sensationell kreativen Ergüsse und mitunter prophetischen Voraussagen gibt es natürlich noch eine Thriller-Handlung, die in dieser Welt beheimatet ist. Und da "Welt am Draht" als TV-Zweiteiler konzipiert wurde, ist er leider, leider sehr lang. Mit einer Laufzeit von insgesamt 204 Minuten, sprich drei Stunden und 24 Minuten, ist dieses vom kreativen Standpunkt geniale Werk bedauerlicherweise mindestens eine Stunde zu lang und so gibt es einige Längen zu überstehen, die den gesamten Film deutlich abwerten.
Durch diese Längen gerät der Film ins Stocken. Die Aufmerksamkeit für die eigentlich sehr gut durchdachte Geschichte, deren Romanvorlage "Simulacron-3" aus der Feder des US-amerikanischen Schriftstellers Daniel F. Galouye stammt, kann den Zuschauer nicht konsequent bei Laune halten. Dabei geht schon eine Menge verloren.
1973 einmal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, danach bekam den Film fast 30 Jahre lang niemand zu sehen. Kurioserweise war es dann das Internet, dass den Film, der sein kreativer Vater sein könnte, erneut belebte: Über Filesharing-Netzwerke verbreitete sich "Welt am Draht" und wurde zum Kultfilm. Ein Kultfilm für Leute mit Ausdauer und viel Sitzfleisch, aber selten hat es Filme gegeben, die stellenweise so revolutionär sind wie Fassbinders einziges Science-Fiction-Werk.

Fazit: 70 %

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen