25. Oktober 2016

Captain Fantastic - Einmal Wildnis und zurück

© Universum

Regie: Matt Ross
Land / Jahr: USA 2016












Vater Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern im Wald. Körperlich sind die Sprösslinge auf dem Niveau von Topathleten, sie sprechen mehrere Sprachen und wissen alles über theoretische Mathematik, Geschichte und Philosophie. Als ihre Mutter jedoch stirbt, macht sich die Familie auf in die echte Welt.

Kindervergleich
Sie schleichen sich an Rehe an und töten sie mit einem Messerstich in den Hals, tagsüber wird trainiert, abends gelesen. In den ersten fünfzehn Minuten macht Regisseur Matt Ross seine Elite-Familie zu echten Freaks. Als es dann aber auf die Reise aus dem Welt in die Wirklichkeit geht, relativiert Ross wieder alles. Denn die echten Freaks, das sind die sogenannten "normalen" Menschen. Warum jemand soviel isst, dass er fett wird, macht für die Kinder keinen Sinn. Auch nicht unter freiem Himmel zu schlafen ist nicht ihre Welt.
Wer eigentlich der Verrückte und wer der Normale ist, lautet die Frage die sich dem Zuschauer immer wieder stellt. Ben und seine Kids halten sich nicht an konformistische Normen, aber warum sollen sie sich in gesellschaftlichen Grenzen und Zwängen bewegen, wenn sie ihre Art zu leben nicht nur bevorzugen, sondern sie dazu noch wesentlich gebildeter sind als der Standard-Amerikaner - für letzteres gibt es ein passendes Beispiel wenn Ben seinen 8-Jährigen mit den wesentlich älteren Kindern seiner Schwester vergleicht.

Seltenes Artefakt
Ein Film mit intellektuellen US-Amerikanern ist ein dermaßen seltenes Artefakt, dass es schon merkwürdig anmutet, wenn die Protagonisten nicht ihre körperliche, sondern ihre geistige Überlegenheit ausnutzen. Die Dialoge sind eine entzückende Mischung aus Intelligenz und humoristischer Unterhaltung - das können wirklich die wenigsten (US-)Filmemacher.
Im letzten Drittel werden sich die Figuren aber untreu. Anfangs predigen sie noch, sich nicht über andere lustig machen zu wollen, am Ende geht es aber einen Schritt zu weit mit der Kritik am Christentum. Nicht, dass man das nicht machen kann, aber der Rahmen passt einfach nicht und gibt der ansonsten sehr geschmackvollen Dramödie einen mitunter pietätlosen Beigeschmack. Auch der letzte Wunsch der Mutter, ist nicht mehr religions-kritisch, sondern herablassend.
Clevere Figuren, ausgezeichnete Dialoge und jede Menge Charme hat dieser Film mit dem bescheuerten Titel "Captain Fantastic", der suggeriert, dass es sich um einen Superhelden-Film handeln könnte. Doch die beiden hervorragenden ersten Drittel verlieren leider eine Menge Glanz, als es im Finale schmutzig wird. Mit einem besseren Schlussdrittel hätte "Captain Fantastic" ein Meisterwerk werden können.

Fazit: 75 %

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