9. November 2016

Toni Erdmann

© NFP

Regie: Maren Ade
Land / Jahr: Deutschland, Österreich 2016












Winfried Conradi (Peter Simonischek) möchte mehr Zeit mit seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) verbringen. Da die junge Frau allerdings auf dem besten Wege ist, dick Karriere in Rumänien als Unternehmensberaterin zu machen, überrascht Winfried sie in ihrer neuen Heimat. Dort verwandelt sich der Witzbold in sein Alter Ego Toni Erdmann und stellt Ines' Welt auf den Kopf.

In mehr als 100 Länder verkauft
Schnell wurde der deutsche Beitrag "Toni Erdmann" zum Publikumsliebling bei den 69. Filmfestspielen von Cannes. In kürzester Zeit wurde der ungewöhnliche Film in mehr als 100 Länder rund um den Globus verkauft und soll dort die Herzen der Besucher für deutsche Komödien schneller schlagen lassen. Auch ist "Toni Erdmann" der deutsche Beitrag für die Oscarverleihung 2017.
Und in vielen Aspekten entspricht "Toni Erdmann" nicht den gängigen Klischees des deutschsprachigen Kinos. Das Ding läuft erstaunliche 162 Minuten, das ist generell schon sehr, sehr lang. Aber eine Komödie mit mehr als zweieinhalb Stunden Laufzeit - das ist eine Rarität. Und eine Komödie aus deutschen Landen, die tatsächlich noch Niveau hat, ist umso seltener in Schweiger- und Schweighöfer-Zeiten.

Deftige Gesellschaftskritik
Zwar ist die Optik unerfreulich ärmlich - es scheint momentan en vogue in deutschen Filmen zu sein, kostengünstig auf aufwändige Beleuchtung zu verzichten. Aber dennoch ist "Toni Erdmann" erstaunlich hochqualitativ - hier zählen die inneren Werte. Denn so witzig und absurd die Vater-Tochter-Geschichte auch sein mag, Regisseurin Maren Ade liefert auch eine deftige Gesellschaftskritik.
Sandra Hüller spielt nicht nur eine Tochter, sondern auch eine Karrierefrau. Sie ist eiskalt und abgezockt. Menschen massenhaft zu entlassen nimmt sie billigend in Kauf, wenn es rational zu erklären ist und in ihren Geschäftsplan passt. Ines Conradi hat wenig Herz, ist wenig sympathisch - ganz im Gegensatz zu ihrem Vater. Peter Simonischek spielt sogar noch besser als Sandra Hüller. Der alte Mann lässt immer wieder dieses schmelmische Grinsen aufblitzen. Das macht Spaß, das ist glaubwürdig.
Die gesamte Cast hat mit ihrer großartigen Performance einen Bärenanteil daran, dass der Film so gut bei der internationalen Presse ankam. Insgesamt ist "Toni Erdmann" ein universell-internationaler Film, der vor allem aufgrund seines Undeutschseins gefällt. Im letzten Drittel macht Ade aber einen großen Fehler. Dann verschenkt sie die intelligente Unschuld ihres Werkes zu Gunsten dieser aufdringlichen Nackheit, die ein Stigmata der deutschen Filmlandschaft ist. Kann man den Amis vorwerfen, in Filmen andauernd Probleme mit Fäusten zu lösen, dann ist es ein deutsches Klischee, dieser permanente Zwang, die Hosen runterzulassen. Und möglichst wenig schön soll diese Nacktheit aussehen - das funktioniert. Was nicht funktioniert ist, dass das Finale dann nicht mehr so glaubwürdig ist wie die ersten beiden Akte.
"Toni Erdmann" ist niemals langatmig, aber dennoch unnötig lang - wie immer wenn man komplette Szenen rausschneiden könnte, ohne damit die Qualität oder die Logik eines Filmes zu beeinflussen. Das Herzstück dieses Ausnahmefilmes sind einerseits das famose Ensemble, andererseits die vorzüglich direkte Gesellschaftskritik, die immer wieder deutlich durchscheint. Auch wenn das Finale Spaß macht: Es ist einfach unnötig übertrieben und verschenkt dadurch am Ende noch die vorher erarbeitete Glaubwürdigkeit.

Fazit: 70 %

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