7. Februar 2017

Schicksalsspiel

© Studio Hamburg Enterprises

Regie: Bernd Schadewald
Land / Jahr: Deutschland 1993












Auswärtsspiel im Osten, das ist immer etwas Besonderes. Auf dem Weg ins Stadion erlauben sich die jungen Pauli-Fans um Roland (Niels-Bruno Schmidt) einen kleinen Scherz in einer Hansa-Kneipe. Das Schicksal bringt Roland mit Conny (Nicolette Krebitz) zusammen - ihr Bruder Lalla (Jürgen Vogel), bekennender Rostock-Fan, findet das weniger witzig. Die Situation droht zu eskalieren.

West gegen Ost
Regisseur Bernd Schadewald geht auf Nummer sicher: Er leitet seinen Film mit einem märchenhaften Zitat aus Shakespeares "Romeo und Julia" ein - schließlich ist das Risiko hoch, dass diese Parallelen nicht erkannt werden. "Schicksalsspiel" ist nämlich eine moderne Fußball-Interpretation der klassischen Liebes-Tragödie. Aus den Montagues macht Schadewald die Fans von St. Pauli aus West-Deutschland, die Capulets werden zu den Fans von Hansa Rostock aus Ost-Deutschland.
Eigentlich sollte so etwas Banales wie ein Fußballverein nicht einer Liebe im Weg stehen, aber die Freunde von Roland und Conny haben wenig Verständnis für die beiden Liebenden. "Die Ossis sind alle rechtsradikal", wissen die Hamburger. "In Pauli wohnen nur linke Zecken", sind sich die Hansa-Fans sicher. Nicht umsonst hat sich Schadewald gerade für diese beiden Vereine entschieden, sind ihre Fans in ihrer Ausrichtung doch ziemlich gegensätzlich - vor allem noch kurz nach der Wende, im Jahr 1993, in dem der Film entstanden ist.
Nicht nur Fan-Feindschaft, sondern gerade auch das neue, frisch vereinte Deutschland wird in "Schicksalsspiel" kritisch beäugt. Man traut einander nicht, fühlt sich vielleicht in der Sprache aber nicht in der Mentalität vereint. Selbst das Liebespärchen hält sich gegenseitig stereotype Vorurteile vor. Von Einigkeit ist da wenig zu sehen.
Regisseur Schadewald versucht eigentlich beide Fanlager fair und objektiv zu zeichnen, doch eine gewisse Präferenz zu Gunsten der Paulianer ist nicht zu verkennen. "Schicksalsspiel" heißt der Film, genauso wie der Titelsong der Punkband Slime - die zudem noch aus Hamburg kommt. Und mit dem bösen Ossi-Bruder, der auf Rache sinnt - gespielt von einem jungen Jürgen Vogel-, gibt es auch eine besonders negative Figur. 

Gute Kamera, mäßiges Drehbuch
Der Sport selbst ist zwar in den Gesprächen der Figuren stets Thema, doch ein Fußball kommt so gut wie nie vor die Kamera. Wohl aber tolle Einstellungen der Fanlager, gerade zu Beginn und im Finale des Filmes. Anfangs gibt es eine lange Kamerafahrt durch eine S-Bahn, die voll mit Pauli-Anhängern auf dem Weg nach Rostock ist. Am Ende, nach dem Showdown, fährt die Kamera in den Nachthimmel, über einen Stadionzaun mit brennenden Bengalos und zeigt das Millerntor-Stadion, während St. Pauli gegen Fortuna Düsseldorf spielt.
Leider ist sind Drehbuch und Regie nicht immer stilsicher. Immer mal wieder gibt es Logik-Entgleisungen, beispielsweise wenn die Flucht aus der Rostock-Kneipe per Sprung durch eine Fensterscheibe gelingt oder wenn das Trio sich mehrfach mit dem Auto überschlägt und dann seelenruhig und unverletzt nach Hause geht.
"Schicksalsspiel" hat überaus positive Ansätze und Ideen: "Romeo und Julia" mit Fußballfans von St. Pauli und Hansa Rostock neu zu interpretieren ist clever und macht Spaß, junge Darsteller wie Jürgen Vogel oder Benno Fürmann sind hier zu sehen, bevor sie ganz große Nummern wurden. Das Drehbuch und die Regie von Bernd Schadewald wirken an vielen Stellen aber überhastet und unausgegoren. Im Ausland ist "Schicksalsspiel" übrigens unter dem peinlich-plakativen Titel "Soccer Love" erschienen.

Fazit: 60 %

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