10. April 2017

Wo die wilden Menschen jagen

© Sony

Regie: Taika Waititi
Land / Jahr: Neuseeland 2016












Ricky (Julian Dennison) ist ein echtes Problemkind, weswegen er jetzt nicht mehr bei Pflegeeltern in der Großstadt wohnen darf. Der übergewichtige Junge mit den pseudo-coolen Outfits soll bei seiner Tante auf dem Land auf den rechten Weg finden. Doch als die liebe Tante stirbt, will Ricky nicht zurück in die Stadt und versteckt sich in den Wäldern Neuseelands.

Peinlicher Titel
Er sagt es noch selbst: "Wir sind die Wildermenschen!", ruft Ricky in die weite Welt hinaus. Und zwar getreu dem Originaltitel, der da lautet "Hunt for the Wilderpeople" - übersetzt also: "Jagd auf die Wildermenschen". Das wäre nicht nur ein wortwörtlich übersetzter, sondern wesentlich besserer, stylisherer Titel gewesen. Aber man entschied sich lieber dafür, ganz schmierig den Anschein erwecken zu wollen, dieser Film hätte etwas mit dem Kinderbuch-Klassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" zu tun. Und so wurde aus raffiniert ein trauriges billig.
Dafür kann Filmemacher Taika Waititi aber nichts - ist wohl aber für alles andere verantwortlich zu machen. Und dieses "alles andere" ist überraschend gut geraten. Nach der ungewöhnlichen Vampir-Komödie "5 Zimmer Küche Sarg" war nämlich noch nicht klar, ob Waititi lediglich eine einzelne gute Idee hatte oder, ob er wirklich kreativer Regisseur ist. "Wo die wilden Menschen jagen" beweist letzteres, denn er hat seinen Vorgänger sogar noch ein wenig übertroffen.
Eigentlich erzählt er eine todtraurige Geschichte von einem kleinen Jungen, der aufgrund von fehlenden positiven Erwachsenenbildern zu einem Kriminellen auf Stufe "Anfänger" wird. Es gibt dieses traurige Grundgerüst, eine Beerdigung und viele gemeine Menschen. Aber unter dem Strich ist "Wo die wilden Menschen jagen" ein überaus positiver und vor allem sehr witziger Film. Eine Dramödie, die mit Subgenre-Perlen wie "Little Miss Sunshine" oder "Captain Fantastic" mithalten kann.

Etwas zuviel Fanatismus vom Jugendamt
Glanzstück dieses skurrilen Filmchens aus der Heimat der Hobbits sind die beiden Protagonisten. Der kleine Asi-Junge, dessen Fragen und Antworten permanent zwischen grenz-debil und drollig pendeln, letztlich aber für einen 13-Jährigen, der nicht viel Bildung genossen hat, noch angemessen sind. Julian Dennison spielt diesen Jungen prächtig und so sorgt er für einige gute Lacher.
Sein Kompagnon ist Hec, der Freund des toten Tantchens. Sam Neill hat schon Hauptrollen in Mega-Blockbustern wie "Jurassic Park" gespielt. Noch wie war der grimmige und bärtige Mann allerdings so gut wie in diesem kleinen neuseeländischen Film - wer hätte das gedacht. Er ist zwar nicht so sehr die Quelle absurden Humors wie sein kleiner Quälgeist, hat aber auch ein paar wirklich tolle Momente.
Dass der Rest der Figurenriege nicht wesentlich klüger ist, dafür ähnlich abgedreht, ist kaum verwunderlich. Etwas zuviel der Verrücktheit bringt aber die böse Lady vom Jugendamt mit sich: Paula, gespielt von Rachel House, legt einen ordentlichen Start hin, übertreibt es im Laufe des Filmes aber ihrem Fanatismus.
"Wo die wilden Menschen jagen" ist eine herzerwärmende Dramödie mit unfassbar vielen Details, die es zu entdecken gibt. Die Figuren sind irgendwo zwischen bemitleidenswert-dämlich und trottelig-charmant, was auch an den wunderbaren Schauspielern liegt, die wirklich alles geben. Julian Dennison kriegt es sogar hin, eine Hollywood-Größe wie Sam Neill an die Wand zu spielen. Ein echter Geheimtipp!

Fazit: 75 %

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